„Ob blond, ob braun...”

(Saarbrücker Zeitung, 21.04.2002)

Das „Chor-Abenteuer Afrika” in der Johanneskirche

Saarbrücken. Mal schmettern sie von den Seiten-Emporen herab, mal marschieren sie mit einem Lied auf den Lippen quer durch den Raum. Und wenn im Riesen-Ensemble aus Gemischten Damenchor und Gemischtem Herrenchor die Tanzbeine fliegen, vereinigen sich bunte T-Shirts zum wogenden Farbenmeer. Vom langen Nachhall der Johanneskirche beflügelt, verbreitet die Musik schon während der Probe ansteckende Lebensfreude. Zumal die Saarbrücker bei dem von Amei Scheib geleiteten „Chor-Abenteuer Afrika” durch die Gruppe Les Bantous aus dem Kongo um den Sänger und Percussionisten Dede Mazietele unterstützt werden – da gibt’s heiße Trommel-Rhythmen inklusive.

Beinahe schon so etwas wie eine Institution ist der 50 Kehlen starke Gemischte Saarbrücker Damenchor, der sein zehnjähriges Jubiläum feiert. Der markante gemeinsame Nenner sei nach „heftigen Diskussionen” gefunden worden, erinnert sich Amei Scheib. Seitenhiebe auf die Inhomogenität der Choristinnen: „Die einen können singen, die anderen nicht”, wie die Gründerin und Chefin gerne lästert. Oder poetischer: „Ob blond, ob schwarz, ab braun, es singen alle Frau´n”. Vor allem, so Scheib, träfen sich hier jedoch „Frauen mit verschiedenen Neigungen in den Lebensformen, um einen frauenspezifischen Blick auf Kultur zu werfen und auch Werke von Komponistinnen aufzuführen, die sonst selten zu hören sind”. Immer wieder entstehen so neue spezielle Programme mit klangvollen Überschriften wie „Rosig färbt der Horizont sich...” (über die wilden 20er-Jahre) oder, der deutschen Romantik verpflichtet, „Könnt’ ich zu den Wäldern flüchten”. Für die Qualität von Scheibs Chorarbeit spricht, dass das Frauen-Ensemble stets eine lange Warteliste hat.

Über zusätzliche Stimmen freuen würde sich hingegen der Gemischte Saarbrücker Herrenchor, noch ein junges Pflänzchen mit zwölf Knospen. „Wir haben letztes Jahr im Frühsommer begonnen und gehen jetzt zum ersten Mal auf die Bühne”, so Scheib. Immer schon wollte sie „die Freude am Singen, die richtig süchtig machen kann” auch an das männliche Geschlecht weitergeben – das sich freilich gerade da gerne ziere.

Auf der Suche nach aufgeschlossenen sanges- und bewegungsfreudigen Herren, „die nicht in traditionellen Chören aufgehoben sind”, wurde sie dann vor allem beim Lesben- und Schwulenverband (LSVD) fündig. Dennoch, so Scheib: „Der  Herrenchor ist kein Schwulenchor, auch er hat zum Ziel, verschiedene Lebensformen nebeneinander zu stellen”. Sänger der ersten Stunde ist Stephan Wolsdorfer, er kam über den LSVD zu dem Ensemble und ist vom Afrika-Programm begeistert, das Urlaubsstimmung wecke. Wie Wolsdorfer kannte und schätzte auch Guido Jost bereits die Konzerte des Damenchores. Als er auf das neue Herren-Pendant aufmerksam wurde, „war ich sofort dabei”. Auch Jost macht das Afrika-Abenteuer „ganz viel Spaß”, zumal er den Schwarzen Kontinent bereits aus eigener Anschauung kennt.

Ein alte Häsin ist bereits Bernadette Wicki-Lohmann, seit sechs Jahren singt sie im Gemischten Damenchor: Wegen der Vielfältigkeit des Repertoirs von Klassischem bis zu ausländischer Folklore, wie sie sagt, und vor allem „weil der Chor sich auf Frauenliteratur spezialisiert hat”. Und auf „politische Anliegen” wie Choristin Elisa Huber hinzufügt: „Wir hatten schon Programme mit Anti-Rassismus-Liedern und haben stets Frauenleben in bestimmten Zeitaltern und Kulturen dargestellt”. Die gute Atmosphäre im Gemischten Damenchor lobt schließlich auch Heidi Wiessner. Sie freut sich auf die ansteckenden Afrika-Rhythmen und die Zusanmenarbeit mit Sängerin Joaquina Siquice aus Mosambik, die die Mentalität dieser fernen Welt sehr gut rüberbringe.

STEFAN UHRMACHER