Männer, die gewaltig im Kommen sind

(Saarbrücker Zeitung, 24.04.2006 – Originalartikel als PDF)

Gemischter Saarbrücker Herrenchor gibt im Mai ein Benefizkonzert in der Landeshauptstadt

Woher der Gemischte Saabrücker Herrenchor seinen Namen hat, weiß keiner genau. 2001 gründete sich das Ensemble. Bei den Proben nimmt Amei Scheib, Leiterin des Männerchores, ihre Jungs hart ran.

Von SZ-Mitarbeiterin Kerstin Krämer

Saarbrücken. Schwulsein ist kein Thema. Oder? Jedenfalls sieht man's weder noch hört man's. Aber irgendwo muss der Name doch herkommen. „Gemischter Saarbrücker Herrenchor.” Also wie jetzt: "Gemischt"! Gut, ein Drittel ist schwul, der Rest hetero. Vielleicht bezieht sich der Name aber auch auf das breite Altersspektrum der Sänger zwischen 30 und 60 Jahren. Oder darauf, dass die 25 Aktiven völlig unterschiedliche Berufe haben. Oder auf das bunt gemischte Repertoire. Aber Schwulsein? Das ist kein Thema.

„Es wäre eins, wenn's einen Markt dafür gäbe”, sagt Stephan Wolsdorfer, der Vorsitzende dieses Männergesangsvereins. Die Leiterin des Chores ist Amei Scheib. Das Vokalensemble wurde im Mai 2001 als Projekt des Lesben- und Schwulenverbandes (LSVD) auf Initiative von Amei Scheib und Christian Zims mit zunächst einer handvoll Sängern gegründet.

Bereits zwei Monate später debütierte der Chor auf dem Tbilisser Platz mit einem Minimalst-Repertoire vor 3000 Zuschauern unter dem Namen „Die Scheibletten”.

Auch wenn man beim Saarländischen Chorverband, der den maskulinen Klangkörper unterstützt, noch immer Exotenstatus genieße, schmunzelt Scheib. Die Herren vermehrten sich gleichgeschlechtlich weiter, und 2002 folgte in der Saarbrücker Johanneskirche ein gemeinsamer Auftritt mit dem „Gemischten Saarbrücker Damenchor”.

Zu den Mädels pflegt Mann immer noch ein freundschaftliches Verhältnis: Mann leiht sich deren Pianistin aus, hilft sich gegenseitig beim Verkauf der Eintrittskarten und gibt neidlos zu, dass das schöne Geschlecht zumindest gesanglich schon sehr viel weiter fort geschritten ist. Aber die gemischten Herren, die sich im vergangenen Herbst endgültig als Verein konstituierten, sind gewaltig im Kommen.

Bei Wind und Wetter radelt die Musikwissenschaftlerin und Dirigentin Amei Scheib zur wöchentlichen Probe in die Wallenbaumschule nach Malstatt, um ihre Jungs ranzunehmen: „Das klingt ein wenig verschlafen, meine Herren. Ein etwas freundlicherer Gesichtsausdruck, bitte. Und mehr Offenheit bei den Vokalen.”

Zur Strafe, nein, zur Auflockerung dürfen die Kerls sich wie King Kong auf die Heldenbrust trommeln, wie Äffchen keckern oder sich nach unsichtbaren Äpfeln an hohen Ästen strecken. Und eins bitte nicht tun: zicken! Womit jetzt kein dämliches Verhalten gemeint ist, sondern das ungroovige Gegenteil von Swing.

Gemischt bezieht sich auch auf das unterschiedliche vokale Know-how: Amei Scheib hat Fortgeschrittene wie blutigste Anfänger bei den Chorproben vor sich. Da heißt es keinen falschen Ehrgeiz pflegen, sondern ein für alle meisterbares Repertoire finden und den Chor auch mal in Unterensembles aufspalten. Inhaltlich frönt Mann, „ideologisch völlig unbelastet”, ein Liedgut von Schubert bis Eisler, von Klassik bis Pop, von osteuropäischer Folklore bis Weltmusik. Lieder aus „aller Herren Länder” eben. Narrenfreiheit genießen die Jungs unter ihrer resoluten Chefin jedoch nicht. "Der Chor kann nichts machen, was meiner Überzeugung als künstlerischer Leiterin zuwiderläuft", sagt Amei Scheib. Die sich zwar keine „Befehlsgewalt” anmaßt, aber ihre Arbeit mit den Herren als ein gegenseitiges Geben und Nehmen begreift.

Und die Kerls scheinen sich einer Frau in der Führungsrolle gern zu fügen. Weil sie wissen, dass sie bei Scheib nicht nur gut klingen, sondern auch noch eine gute Figur machen dürfen. „Ich möchte, dass meine Männer auf der Bühne gut aussehen!”, sagt Scheib. Schüchtern mit den Augen am Text kleben? Die Hände vor Aufregung an die Naht irgendeiner ausgebeulten Uralt-Jeans gepresst? Nix da! Scheibs Männer singen auswendig. In thematisch passenden Klamotten.

Aber was zieht Mann an für „Männer, Machos, Mozartkugeln”? Das aktuelle Programm, das im Dezember Premiere hatte und Männlichkeit zu definieren versucht? Ach, am besten sehen und hören Sie einfach selbst: Beim Benefizkonzert fürs Jugendhilfezentrum der Landeshauptstadt Saarbrücken am Mittwoch, 10. Mai, in der Deutschherrnkapelle.

Informationen zum Gemischten Saarbrücker Herrenchor unter www.gemischter-herrenchor.de

„Ich möchte, dass meine Männer bei ihrem Auftritt auf der Bühne gut aussehen.”  Amei Scheib, Leiterin des Chores